Klinikum Schwarzach implementiert Delir-Präventionsprogramm

- Jeder dritte Krankenhaus-Patient über 70 Jahren erleidet „Delir“
- Schwerwiegende Folgen: Mehr Komplikationen, bleibende Beeinträchtigungen, höhere Sterblichkeitsrate, längere Verweildauer, höhere Kosten für das Gesundheitssystem
- Kardinal Schwarzenberg Klinikum startet multiprofessionelles Programm zur Prävention, Diagnostik und Therapie von Delirien
- Freiwillige im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) und „Ehrenamtliche“ als Unterstützung gesucht

(Schwarzach, 14.03.2018). Rund ein Drittel aller Akutspital-Patienten über 70 Jahren erleiden während des Krankenhausaufenthaltes ein sogenanntes “Delir”. Dabei handelt es sich um einen akut auftretenden Verwirrtheitszustand, der mit Veränderungen des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit sowie mit Störungen der kognitiven Leistungen und der Psychomotorik einhergeht. „Der Patient weiß beispielsweise plötzlich nicht mehr, wo er ist oder warum er hier ist. Er kann sich nicht mehr konzentrieren, reagiert verängstigt oder aggressiv, leidet unter einem gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus“, erklärt Primar Dr. Marc Keglevic, Leiter der Psychiatrischen Abteilung in Schwarzach.

Delir kann vermieden werden

Die Ursachen für ein Delir liegen im Zusammenspiel der besonderen Umstände, die ein Krankenhausaufenthalt mit sich bringt, und der allgemeinen körperlichen und psychischen Verfassung der Patienten. „Bei einem Delir handelt es sich immer um einen medizinischen Notfall, der lebensbedrohlich sein kann. Die Folgen sind in der Regel schwerwiegend und auch kostenintensiv“, betont Keglevic. So kommt es zu erhöhten Komplikations- und Sterblichkeitsraten, schlechteren Rehabilitationsverläufen und bleibenden kognitiven Beeinträchtigungen. Zudem verlängert sich die Verweildauer im Spital – im Kardinal Schwarzenberg Klinikum geht man von durchschnittlich 8,9 zusätzlichen Tagen aus. „Die gute Nachricht lautet: Ein Delir kann durch präventive Maßnahmen und Adaptierungen in der Behandlung in den meisten Fällen vermieden werden“, so Keglevic.

Daher hat das Schwarzacher Klinikum ein in diesem Umfang österreichweit bislang einzigartiges Programm gestartet, das nach einer mehrmonatigen Pilotphase auf zwei chirurgischen Stationen ab Mitte März 2018 stufenweise auf das gesamte Haus ausgerollt werden soll. “Wir stützen uns dabei auf das in den USA entwickelte ‘Hospital Elder Life Program’ - kurz H.E.L.P. -, das weltweit als das umfassendste, am besten evaluierte und wirksamste Multikomponenten-Programm zur Prävention, Diagnostik und Therapie des Delirs bei älteren Patienten im Akutspital gilt”, erklärt Psychologin Mag. Maria Trigler, die das Projekt in der Klinik im Salzburger Pongau leitet. H.E.L.P. setzt auf vier Säulen: Fachärztliche Diagnostik und Betreuung, tägliche Verlaufsbeobachtungen durch Pflegekräfte anhand spezieller Assessments und Delir-Screenings, Schulung von Mitarbeitern verschiedenster Berufsgruppen und Beratung von Angehörigen sowie den Einsatz von Freiwilligen, die sich um die gefährdeten älteren Patienten während ihres Krankenhausaufenthaltes kümmern und sie in ihren Alltagsfähigkeiten stärken.

Freiwilligenarbeit bildet Herzstück des Programms

“Der Einsatz von Freiwilligen bildet eine zentrale Säule von H.E.L.P. Ohne sie wäre das Programm nicht umsetzbar”, so Trigler. Die Freiwilligen übernehmen keine pflegerischen Aufgaben, sondern begleiten, orientieren und aktivieren die Patienten im Rahmen von täglichen Besuchen ganz individuell. Sie lesen ihnen beispielsweise aus der Zeitung vor, gehen mit ihnen spazieren, leisten ihnen bei den Mahlzeiten Gesellschaft oder führen einfach Gespräche. Zudem achten sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Nahrungsaufnahme sowie mögliche Delir-Anzeichen und leiten diese an das Ärzte- und Pflegeteam weiter. Sie sind für die Patienten über deren gesamten Aufenthalt hinweg ein vertrauter Ansprechpartner, der ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenkt. Zwei Freiwillige konnten bereits im Rahmen des sogenannten „Freiwilligen Sozialen Jahres“ (FSJ) gefunden werden. Sie sind seit Oktober 2017 Teil des H.E.L.P.-Teams. „Für die weitere Ausrollung des Programms benötigen wir zusätzliche ‚FSJ-ler‘“, betont Projektleiterin Maria Trigler.

Auch „Ehrenamtliche“ gesucht

Wertvolles Know-how für die Umsetzung des H.E.L.P.-Programms in Schwarzach kommt aus Bielefeld: Das Kardinal Schwarzenberg Klinikum hat sich für einen Wissensaustausch eng mit dem dortigen Evangelischen Klinikum Bethel vernetzt, das als erstes Krankenhaus in Deutschland „help+“, eine auf die dortigen Bedingungen adaptierte Version von H.E.L.P., implementiert hat. In Bielefeld arbeiten neben jungen Menschen im Rahmen des FSJ auch klassische „Ehrenamtliche“ im Programm mit.  „Das ist auch in Schwarzach möglich. Man kann sich über die Salzburger Freiwilligenbörse bewerben“, sagt Trigler.

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Info-Box

Ziele der Delirprävention bei älteren Patienten im Akutspital sind vor allem:

• Reduktion der Delirrate
• Verbesserung der Versorgungssituation durch gezielte Delir-Diagnostik und Verlaufsbeobachtung
• Aufrechterhaltung kognitiver und körperlicher Fähigkeiten und Verbesserung der Selbständigkeit bis hin zur Entlassung
• Vermeidung von Komplikationen und dadurch ungeplanter Wiederaufnahmen
• Sensibilisierung für das Thema Delir durch spezielle Informationsfolder für Betroffene und Angehörige und regelmäßige Schulungsangebote für Mitarbeiter

Die vier Säulen von H.E.L.P (Hospital Elder Life Program)

• Fachärztliche Delirpräventions-Visiten
• Assessments und gezielte Delir-Screenings durch das Pflegepersonal
• Spezielle nicht-medikamentöse Interventionen durch Freiwillige
• Schulung von Mitarbeitern und Beratung/Information von Angehörigen

Häufige Faktoren, die ein Delir beeinflussen

• Operationen (Narkose, OP-Dauer, Blutverlust)
• Einnahme mehrerer Medikamente, medikamentöse Wechselwirkungen (Polypharmazie)
• Infektionen, Schmerzen
• Psychische Belastungen
• Bestehende oder beginnende Demenz
• Fremde Umgebung und Reizüberflutung im Krankenhaus
• Nicht korrigierte Seh- und Hörprobleme
• Nahrungs- und Flüssigkeitsmangel
• etc.

Freiwilligenarbeit im Kardinal Schwarzenberg Klinikum

• Ehrenamt – Salzburger Freiwilligenbörse: https://salzburg.volunteerlife.xyz/de/freiwillige-salzburg/512/1560 bzw. E-Mail: freiwilligenarbeit@ks-klinikum.at
• Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ): www.fsj-at.org

H.E.L.P. wurde von der renommierten Delir-Spezialistin Prof. Sharon K. Inouye von der Harvard Medical School in Boston konzipiert. Die Programmbestandteile erfordern sowohl hohe Sensibilität für Risikopatienten als auch interdisziplinäre und multiprofessionelle Kooperation. Mehr Infos zu H.E.L.P: www.hospitalelderlifeprogram.org

Der 14.03. ist Welt-Delir-Tag (www.idelirium.org)

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